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Friedrich Heer
Thesen zur europäischen Geistesgeschichte
[Diese Thesen, „die sich aus der Betrachtung der europäischen Geistesgeschichte ergeben“, fügte Friedrich Heer seiner „Europäischen Geistesgeschichte“ von 1953 „statt eines Nachwortes“ bei.]
1. Die Auseinandersetzung zwischen „Oben“ und „Unten“, zwischen den bisher in Herrschaftssystemen aufgetretenen Ontologien, christlichen Denk- und Glaubenssystemen, humanistischen und altrationalistischen Geistesverfassungen einerseits und dem „Untergrund“, den Tiefenschichten der Person und der Völker andererseits tritt seit dem 19. Jhdt. (das für Europa bis mindestens 1945 reicht) in eine neue Phase ein. Das Vordrängen der radikal rationalistischen und radikal irrationalistischen, spiritualistischen, naturalistischen gesamteuropäischen Schwärmerbewegung, die das Heil aus dem Ich und dem Volke proklamiert, ist das wichtigste sichtbare Zeichen dieser neuen Phase. Was im Zeitalter der „Großen Form“, der alten Könige und Väter eruptiv in einzelnen vulkanischen Naturen (Franz von Assisi, Jeanne d’Arc, Hussiten, Lollarden, Luther, Münzer) sehr verschiedenartig und doch zuinnerst verwandt aufbrach, wird seit dem 18. Jhdt. immer sichtbarer in den Bewegungen von Schwärmern, inspirierten Demokraten, politischen und nationalen Heilsgemeinden, die zum Teil charismatische oder dämonische Führer finden.
2. Die tolerantere Gesetzgebung vieler europäischer Staaten, die zwischen der Französischen Revolution, dem Josefinismus und dem zweiten Weltkrieg (1760 bis 1948) zur Aufhebung der offiziellen gesetzlichen Inquisitionen (nicht der inneren Inquisitionen, welche die geschlossenen Gesellschaften aus sich heraus durchführen), der Folter, der Ketzer- und Hexenverbrennung, der offiziellen Verfolgung religiöser Nonkonformisten führt, macht ein Phänomen sichtbar, das das erregendste der europäischen Geistesgeschichte gesehen werden muß: trotz einer tausendjährigen Verfolgung (vom 8. bis 18. Jhdt.) war es nicht gelungen, auch nur eine einzige „häretische“ Idee, Anschauung, Überzeugung auszurotten; auf der Höhe des 18. Jhdts. sind alle Sekten und Häresien präsent in alten Orten und Räumen, zwischen Barcelona, Toulouse, Neapel, Florenz, Mailand, Basel, Straßburg, Amsterdam, London, Krakau, Prag und Venedig, Lyon und Genf, in denen sie z. T. bereits seit der Spätantike, vom 2./3. Jhdt. her gewachsen waren. Die Verfolgungen durch die Orthodoxien und weltlichen Machtherren hatten nur eine Abdrängung in den Untergrund erreicht, eine Verkleidung in zahlreiche nikodemische Formen, eine oft weitgehende Säkularisierung (magels einer öffentlich zugelassenen theologischen Schulbildung) und Politisierung, eine Verengung des Gesichtskreises durch die erzwungene Ghettobildung und erzwungene Fanatisierung. Das Schicksal Spaniens und Rußlands, wo die Unterdrückung vom 16. bis 20. Jhdt. am perfektesten gelang, dazu dieUnterdrückung der Freikirchen in Deutschland, bilden die lehrreichsten Beispiele.
3. Der sich dergestalt ergebende latente Bürgerkrieg zwischen den „zwei Nationen“ in allen europäischen Großräumen könnte in mildere Formen über führt werden, wenn die Orthodoxien und herrschenden Systeme es wagen würden, in ein offenes „Gespräch der Feinde“ einzutreten, sich zum Gedanken des Wettstreits und Spiels zu bekennen. Die Erkenntnis, daß kein Mensch die Wahrheit „besitzen“, Gott in der Faust „haben“ kann, daß aber viele berufen sind aus der Wahrheit zu leben und wenige erwählt sind, für sie Zeugnis abzulegen, diese Erkenntnis wird von Machtträgern, Positionshältern, Priestern und Politikern, wie von allen Menschen nur durch viel Leiden erkauft.
4. Die Angst der Verfolger und Verfolgten, der Unterdrücker und Unterdrückten droht mit zunehmender Ost-Westspaltung, mit dem Hineingleiten Europas in den Welt-Bürgerkrieg, aufs neue Zustände zu schaffen, die über kurz oder lang zur Konstituierung monistischer, aggressiver, cäsaropapistischer Großkirchen führen müssen, wie sie, von Byzanz aus, in der Nachfolge Konstantins, Europa erobert und besetzt haben.
5. Die europäischen Orthodoxien werden erst wieder an echter Geisteskraft gewinnen, wenn sie es wagen, vom ängstlichen Schielen auf ihre tatsächlichen und vermeintlichen Gegner abzusehen und sich ihren echten eigenen Fragen und Fragwürdigkeiten zuzuwenden. Für den Katholizismus bedeutet das eine Anknüpfung an die im 4. Jhdt. abgebrochene innere Gesprächslage - viele entscheidungsschwere Fragen wurden seither nicht mehr zu denken gewagt - für den Protestantismus bedeutet das, positiv gesehen, den Mut zu weiterer Selbstzersetzung und In-Fragestellung, im Hinblick auf Christus, die altkirchliche Tradition, die Thesen Luthers und der Frühreformation, nicht zuletzt in bezug auf die erregenden Fragen der Bibelkritik und Forschung des 19. Jhdts. Das Wort Andre Gides „Die Katholiken lieben die Wahrheit nicht“ enthält eine beherzigenswerte Mahnung an alle Orthodoxien und Konfessionen.
6. Die weltlichen Philosophien und Geistessysteme sind als Laientheologien, als Ersatztheologien nonkonformistischer Kreise streng dialektisch gebunden an die Auseinandersetzung mit den christlichen Theologien orthodoxer Observanz. Die idealistischen, pantheistischen, gnostischen, existentialistischen, materialistischen und spiritualistischen Systeme unseres Zeitalters versuchen, ja auf ihre Weise, christliches Geistesgut ins Gespräch zu bringen mit außerchristlichen Erfahrungen von Völkern, Kontinenten und Personen, von Untergründen und ideologischen Überbauten, die bisher nicht einbezogen waren in das ExperimentEuropa, oder die im innereuropäischen Gespräch bisher nicht genug berücksichtigt wurden.
7.Die Spiele der Dichter und Künstler, der im Raum, in der Zeit, in der Materie Schaffenden treten immer bedeutender und gewichtiger zu den Spielen der Philosophen und Theologen, und vermitteln diesen unschätzbare Erfahrungen, Strukturen, Inhalte, Formen, Materialien.
8. Das beginnende Gespräch um „Geist“ und „Materie“, um „Raum“ und „Zeit“ wird ohne deren Mitarbeit nicht in guten Fluß kommen.
9. Den heute in gewissen Kreisen beliebten vorschnellen Synthesen von Natur- und Geisteswissenschaften, von Theologie und Philosophie kann nur durch autoritären Druck ein gewisses Scheinleben vermittelt werden. Andererseits läßt sich nicht mehr übersehen: gerade die bedeutendsten Naturwissenschafter knüpfen heute, wenn auch oft unbewußt oder gar ungewollt, an alte Geisttraditionen an. Heisenbergs Unsicherheitsrelationen sind ebensosehr ein Ausdruck eines typischen deutsch-protestantischen Irrationalismus, wie Einsteins neueste Einheitsformel über die Beziehungen von Raum, Zeit, Energie, Materie (1953) beheimatet ist in der Welt der drei Ringe, der „Großen Kunst“ des Ramon Lull, und als ein bedeutendes Zeichen für das Heraufsteigen eines Neubarock gesehen werden will.
10. Aus jedem bedeutenden theologischen und philosophischen Denker und Denksystem, also etwa aus Aristoteles, Thomas, Descartes, Kant, Marx, können nach wie vor theistische und atheistische, christliche und gegenchristliche Systeme abgeleitet werden. Orthodoxeste Denker, Kirchenväter der Philosophie und Theologie, enthalten alle ihre Gegensätze in sich, erweisen sich deshalb immer wieder als machtvolle Erreger und Anreger von „Häresien" und gegnerischen Bewegungen. Auf Paulus, Augustin, Scotus und Eckhart lassen sich ein Großteil der nonkonformistischen Denk- und Glaubensbewegungen Europas rückführen.
11. Hieraus ergibt sich die Frage der Verantwortlichkeit der europäischen Denker für ihre „Folgen“. Nominalistische, atomistische Denker, die an keinen „Communismus der Geister“ (mit Hölderlin und Hegel), an keinen Geist-Körper der Einen Menschheit glauben, lehnen, etwa mit Golo Mann, eine solche Verantwortlichkeit brüsk ab. Auch uns erscheint als unbillig eine politische, religiöse Verketzerung, Diffamierung und Diskreditierung europäischer Denker ob der verhängnisvollen Folgen ihrer Denksysteme, ob der oft heillosen Folgerungen, die andere aus ihnen gezogen haben. Eine europäische Geistesgeschichte ist aber nur denkbar, wenn wir an einen konkreten Realzusammenhang aller ihrer Denker glauben, und das impliziert die Verantwortung, die Schuld (eine metaphysische, von keinem Gerichtshof dieser Erde zu ahndende, zu verfolgende, zu berechnende Schuld) aller Denker. Geist ist die gefährlichste Sache, die es gibt. Das wußte wieder Nietzsche, wenn er sich als „Dynamit“ begriff. Die ketzer-verbrennenden Autoritätswalter der Orthodoxien anerkennen seine Realität und Potenz des Geistes ehrlicher, wissen tiefer um sie, als pseudoliberale Schwätzer und „Tolerante“ des 19. Jhdts. Zu verurteilen ist nicht ihre Sorge um den rechten Geist und um die Folgen „unrechter“ und „linker“ Geistesbewegungen, wohl aber die Mittel und Methoden, die sie anwenden, jenen entgegenzutreten. Die offenkundige Tatsache, daß kein Denker von Rang (von den anderen ganz zu schweigen), die Folgen seines Denkens verantworten kann, sollte uns wohl beunruhigen, nicht aber abhalten, diesem ernsten Problem, das für uns unlösbar ist, ins Gesicht zu sehen. Seine Lösung liegt in der lichten Weite, abgründigen Tiefe und Liebe des unendlich barmherzigen Gottes, in den Geheimnissen der Heilsökonomie. Wer an die Gnade glaubt, hat die Pflicht, nüchtern von den Ungnaden zu berichten, die der denkende Mensch (eine Einheit vieler Geister, Körper, Gegensätze!) sich und seinen Söhnen bereitet.
12. Aus eben dieser Gegebenheit ist hier das Problem der spiritualen Disziplin wenigstens anzudeuten. „Monachatus non est Pietas“: für diese grundändernde These der „Neuzeit“ und aller neueuropäischen Spiritualisten und Denker haben eben diese bitteres Schuldgeld zu bezahlen. Der hohe Grad von Willkür, Zuchtlosigkeit und niederer Eigenwilligkeit, der europäische Denker und Geistmacher seit geraumer Zeit charakterisiert, hat etwas Erschreckendes an sich; er ist nicht zuletzt verantwortlich für die zunehmende „Entmachtung“ der „Geistigen“ in Europa, die sich als unfähig zur Herrschaft erwiesen haben, weil sie sich selbst nicht beherrschen können. Dem hohen Spiel des Geistes kann nicht in Laune und Lust gefrönt werden, es kann nur verwaltet werden in strenger Selbstdisziplin. Zu dieser Selbstdisziplin gehört ein liebendes Offensein für alle Erfahrungen der Gesellschaft, für das Wissen der Naturwissenschaften, ein angestrengtes Befragen aller europäischen Traditionen und der „Stimmen der Zeit“.Dazu gehört zuerst und zuletzt ein hohes Maß von Selbstkontrolle, Selbstkritik, Selbstüberwachung, Selbstzucht. Die „Geistigen“ und alle, die mit dem Geist zu tun haben, haben nur die Wahl, sich selbst in diese Zucht zu nehmen, oder sich von neuen und anderen Mächten in diese Zucht nehmen zu lassen. Die Tatsachen der letzten Jahrzehnte, bis zum heutigen Tage, sprechen in Europa eine sehr deutliche Sprache: sie zeigen, wie, über Nacht, Intellektuelle, Professoren, Theologen, Künstler, Dichter, sich von diesem und jenem totalitären System oder einer Interessentengruppe „gleichschalten“, überwachen, in Zucht nehmen lassen. Es wäre besser, wenn dies über Tag geschähe, und nicht, um mit Kant zusprechen, durch „heteronome“ Kräfte, sondern unter dem Druck des eigenen Gewissens. Dieses wird aber, in der gerade heute erforderlichen Strenge nur erwachen, wenn in den Kreisen der „geistig Schaffenden“ das Wissen wächst um den fundamentalen Unterschied zwischen Genialität und Heiligkeit, zwischen menschlichem und göttlichem Geist. Nichts tut dem geistig-Schaffenden so not wie die Ehrfurcht vor dem echten Mönch, die volle Anerkennung der unversehrbaren Eigenständigkeit der spiritualen Dimension. Die notwendige Askese, ohne die kein Geistschaffen gedeiht, diese Askese des neuen, in der Welt lebenden, welt-offenen „Mönchs“, des geistigen Arbeiters, kann nur gebildet werden im wachen Blick auf jene andere, höhere Askese, in der Alles (Menschliche) gegeben wird, um Alles (Göttliche) zu empfangen. Dieser „heilige Handel“ (sacrum commercium) sollte nicht mehr, wie es nun seit 500 Jahren geschehen ist, von den eifersüchtigen Geistesarbeitern verspottet, sondern als Vorbild angenommen werd. Der Geist Europas im 20. Jhdt. (das um 1945 beginnt) wird, für Europa und für die Eine Welt, so viel wert sein, als seine Repräsentanten zu geben, zuopfern, zu dienen bereit sind, nachdem sie bereit waren, zuempfangen - von „oben“ und „unten“, aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die in der Luft liegt, und von dem GEIST her kommt, der weht, wo er will.
[Friedrich Heer: Europäische Geistesgeschichte. Stuttgart: Kohlhammer 1953. S. 661-664.]
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