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Ludwig Marcuse über Mystik
 
Das Wort „Mystik“ stammt aus dem Griechischen, ist aber durch diese Herkunft nicht begrenzt. Sie blühte nicht in den Tagen der Herrlichkeit des attischen Reichs, nie zur Zeit einer Klassik. „Myein“ heißt die Augen schließen; alle Klassiker öffneten sie weit und verherrlichten, was im Lichte war.
Erst in hellenistischer Zeit entstand der Neu-Platonismus, eine Art von Anti-Platonismus; die Distanz zwischen Himmel und Erde, Wirklichkeit und Idee wurde aufgehoben. Dionysius Areopagita verschmolz griechische Theorien, die Götter der jungen Kirche und die Unruhe des Paradies-süchtigen Christen, der noch nicht dem neuen Regiment unterworfen war: ein Ursprung der tausendjährigen christlichen Mystik.
Schließlich mündete sie in eine gottlose: bei Huxley und Krishnamurti, im mystischen Marxismus Ernst Blochs, in der mystischen Psychoanalyse eines Freud-Jüngers, in Wittgensteins Absage an die Sprache: „Worüber man nicht reden kann, darüber muß man schweigen.“ Der Schweigsamste war Meister Eckhart; oder besser: der, welcher das zu Verschweigende am eindringlichsten bewußt gemacht hat. Lange bevor die „Entmythologisierung“ erfunden wurde, war er der radikalste Entmythologisierer.
Jedes Jahrhundert des zweiten Jahrtausends hatte seine Mystiker. Das zwölfte: Bernhard von Clairvaux und Hildegard von Bingen. Das dreizehnte: Mechthild von Magdeburg. Das vierzehnte: Meister Eckhart und die Seinen, Tauler, Seuse und Ruysbroeck; auch den „Frankfurter“, der die Theologia deutsch verfaßte, die den jungen Luther beeinflußte. Das fünfzehnte: Thomas a Kempis und Nicolaus Cusanus, dessen „docta ignorantia“ eine Vorwegnahme Friedrich Schlegels war, der entdeckte, daß man mehr und mehr weiß, wie wenig man weiß. Das sechzehnte Jahrhundert hatte Paracelsus und Valentin Weigel. Das siebzehnte: Angelus Silesius und Jakob Böhme, auf den sich heute ein Zweig der Psychoanalyse beruft. Das achzehnte: die Quäker, den Jansenismus Pascals und den deutschen Pietismus. Das neunzehnte: die europäischen Romantiker, in Deutschland vor allem Baader.
Unterhalb des zweitausendjährigen Platonismus, der die Philosophen beherrschte, ist die tausendjährige Mystik die stärkste Unterströmung gewesen. Sie unterwanderte Religionen und Philosophien und wissenschaftliche Theorien und politische Systeme. Nicht nur im Westen. Wahrscheinlich war der chinesische Taoismus eine größere Macht, als je eine europäische Mystik. Im achten Jahrhundert blühte sie unter den Mohammedanern Persiens und untergrub das festgefügte System des Islam. Ihr Symbol war die ins Licht fliegende Motte: der Gegen-Typ zum Gläubigen; er fliegt nicht, er ruht inmitten eines gesicherten Gefüges, der Horizont ist die sichtbare, von Begriffen geschmückte Transzendenz. Der Flug der Motte transzendiert Glauben und Unglauben; nur die Mystik erlaubt, beide gleichzusetzen.
Der amerikanische Philosoph William James – kein Mystiker, aber ein kenntnisreicher Klassifikator ihrer Varianten – fand einige Merkmale, die in allen Jahrhunderten und Kulturen da waren. Der Mystiker hat keinen adäquaten Ausdruck für das Trans; Jaspers’ Begriff „das Umgreifende“ hält diese Ohnmacht in einem terminus fest. Der mystische Zustand bringt nicht nur Visionen und Sensationen hervor, auch Impulse – und die Einsicht: daß es zu keiner kommt, nur zum Blick in den „Abgrund“, zur Grenze von Vorstellen und Denken. Die Nonnen-Mystik des deutschen zwölften Jahrhunderts war mehr emotional, die Mystik Loyolas vorwiegend aktivistisch. Meister Eckharts Grübeleien grübelten am äußersten Rande der Verbegrifflichung: intellektuelles Eindringen in die Kapitulation vor der Sehnsucht nach dem allwissenden Menschen.
Eine mystische Erfahrung, durch die Zeiten bezeugt, ist niedergelegt in Bernhard von Clairvaux’ Satz: „Auf die Freude seines Besuchs folgt der Schmerz der Abwesenheit.“ Die Erhebung ist nur transitorisch. Bevor von jener Freude und jenem Schmerz zu reden ist, muß von den Transportmitteln gesprochen werden, die zum Treffpunkt führen.
Das Ziel, die unio mystica, die Vereinigung mit dem Unbekannten Gott, ist unabhängig von den Zeiten; die Vehikel dahin wechseln mit der Technik. Aldous Huxley untersuchte die somatischen Folgen der erzwungenen Passivität, eine Vorbedingung des ersehnten „Besuchs“; fragte, was mittelalterliche Askese und Selbstzüchtigung biochemisch dem Körper antaten; und kam zu dem Resultat: sie waren in ihrem physischen Effekt eine Entsprechung des Alkohols oder der modernen Droge Mescalin. Es gab viele Wege zum Entrücktsein: ein déjà vu; ein Wort; die Peitsche der Flagellanten und die Pflanze Peyote, welche die Indianer als Beförderung zur Seligkeit entdeckten.
Was auf dieser Himmelfahrt Ereignis wurde, ist mit Phantasie und Philosophie geschildert worden. Der kanadische Psychiater Dr. R. M. Burke schrieb: „Kosmische Bewußtheit ist nicht nur eine Expansion oder Erweiterung des bekannten individuellen Bewußtseins, sondern ein Neues: so verschieden von allem, was die höheren Tiere besitzen.“ Das ist bereits Schwärmerei: ein außerordentlich billiges Ziel für Psychologen und Soziologen.
Die ewige Mystik ist zu scheiden von den vielen zeitgebundenen Selbst-Mystifizierungen. Hier ist Überschwang, der alle Besonderheiten und räumlich-zeitlichen Determinanten in die Unio mitnimmt, dort ist Zurückhaltung. Zieht man die vielfältige Phantasie ab, welche die Geschichte der Mystik zur Ausstellung aller Aberglauben gemacht hat, dann bleibt, von Eckhart bis Wittgenstein, die Verschmelzung eines beseelten Körpers mit dem Geheimnis, das nicht offenbar wird. Die Nicht-Offenbarung ist der Inhalt der mystischen Einswerdung. Wie alle echten Mystiker blieb auch Kierkegaard außerhalb; das gemeinsame Erlebnis der Eingeweihten ist, daß der Vorhang sich nicht hob. Der „Abgrund“: das war immer der Blick ins Bodenlose. Das mystische Element im Woyzeck: der Boden ist keiner. Die fliegende Motte fliegt in ein Licht, in dem nichts zu sehen ist, das vielmehr blendet. Das Geheimnis wird erst ganz sichtbar, wenn die Welt weggeblendet ist. Zur Welt gehört auch der Myste.
Die großen System-Schöpfer machen sich Bilder vom deus absconditus; obwohl auch bei Platon und Spinoza und Hegel und Schopenhauer das Bild sich zurückzuverwandeln strebt ins Unvorstellbare. Sollte Plotin gesagt haben: „Ich erlebte die unio dreimal und Porphyrios nicht einmal“, so darf man vermuten, daß das neuplatonische System eher von Porphyrios als von Plotin stammt. Die Philosophen hatten immer einen festen Boden: auf ihm bauten sie. Hildegard von Bingen aber ließ den, dem sie begegnete, sagen: „Ich bin der schweigende Gott, künde und künde wiederum: ‚Wer will mich überwältigen?’“ Die großen Philosophen überwältigten scheinbar den schweigenden Gott und öffneten ihm den Mund: zu ihren Worten, nicht zu seinen. Nie gelang die Überwältigung. Im Wissen um dies unabwendbare Mißlingen schlägt das Herz der Mystik. Nirgends wird es hörbarer als in den Sätzen des Meisters Eckhart.
Der stärkste Kopf, der energischste, radikalste Denker unter den Mystikern wurde um 1260 geboren und starb im siebenundsechzigsten Jahr. 1270 und noch einmal 1277 hatte der Erzbischof zu Paris, Etienne Tempier, gegen die Irrlehre einschreiten müssen: daß nur wissenschaftlich Beweisbares als wahr gelten könne, daß deshalb die christlichen Dogmen der Wahrheit entbehrten. Eckhart ging noch einen ketzerischen Schritt weiter; selbst im wissenschaftlich Beweisbaren ist nicht die große Wahrheit. Zwar sind seine Bücher bevölkert mit christlichen Figuren und Theologien... wie Goethes und Schillers Werke mit griechischen, römischen Göttern und Helden; die Tradition liefert auch die Statisterie. Aber er sprach aus, was der nicht-mystische Nachfahr Bertrand Russell sechs Jahrhunderte später sehr präzis und elegant so ausdrückte: die Wahrheiten, die wir finden, sind nicht von letzter Wichtigkeit; und die Wahrheiten, die von letzter Wichtigkeit sind, finden wir nicht.
Ist die Mystik des vierzehnten Jahrhunderts bereits ein Abdanken, wie in unserem Jahrhundert die sogenannte „wissenschaftliche Philosophie“: als Pragmatismus, Phänomenologie und Neo-Positivismus? Es bietet sich zur Charakterisierung ein Wort wie Agnostizismus an, der schon in der Antike zum Verstummen neigte. Ist nicht die „negative Theologie“ die mittelalterliche Variante der radikalen griechisch-römischen Skepsis? Der volle Verzicht auf Theologie? „Alles, was man von Gott aussagen kann, das ist Gott nicht“, heißt es bei Eckhart. Und nicht nur die Aussage wird abgelehnt: es ist nichts auszusagen, es gibt keinen Zugang zu dem Geheimnis, das – traditionell – noch „Gott“ genannt wird. Kant wird vorweggenommen: „Wähne nicht, deine Vernunft könnte dazu emporwachsen, daß du Gott zu erkennen vermögest.“ Kant näherte sich dann doch noch Gott, mit dem schwächsten aller Gottesbeweise. Eckhart war die Aufklärung – ohne Verklärung, war aufgeklärter als die Aufklärung.
Auch was dann Feuerbach lehrte, nahm der Mystiker vorweg: „Was wir von der ersten Ursache erkennen oder aussagen, das sind eher wir selber, als daß es die erste Ursache wäre.“ Sie ist unerreichbar, wie nur irgendein epikureischer Gott: „Alle Gebete und alle guten Werke, die der Mensch hier in der Zeit verrichten mag, von denen wird Gottes Abgeschiedenheit so wenig bewegt, als ob es so etwas gar nicht gäbe, und Gott wird gegen den Menschen deshalb um nichts milder und geneigter, als ob er das Gebet oder gute Werke nie verrichtet hätte.“ Wann wird Eckhart von den Entmythologisierern erreicht werden?
Doch ist mit den Wort-Zeichen Skepsis, Agnostizismus, Atheismus, die sich aufdrängen, nichts bezeichnet, wenn nicht die Unruhe des Problematikers, die mystische Liebe und sein Vertrauen hinzugenommen wird; es darf nur deshalb nicht Gott-Vertrauen genannt werden, weil Gott gerade das Nichtbekannte ist, auf das mit „Gott-Vertrauen“ hingewiesen wird. Es gibt einen satten Verzicht: er liegt fast allen neuzeitlichen Atheismen und anti-metaphysischen Strömungen zugrunde; er ist ein schnelles, unbekümmertes Aufgeben, als würde das Rätsel mit der Einsicht in seine Unlösbarkeit verschwinden. Als wäre die unbeantwortete, drückende Frage nicht der wesentlichste Teil des Lebens. Da wird dekretiert, schlicht in gar nicht schlichten Worten: Philosophie sei Soziologie plus Psychologie. Diese Anthropologie vergißt, was nicht vergessen werden kann: daß das herrschende Geheimnis alles Offenbare verundeutlicht. Die Mystik schuf die unruhigste Gottlosigkeit: „Dieses Unwissen lockt und zieht dich fort von allem Gewußten und von dir selber.“ Zieht fort von den leiblichen Freuden und (was für den kultur-freudigen Kirchenfürsten noch schlimmer war) auch von den geistigen.
Aller Mystik ist eine Gleichgültigkeit gegen die Kultur beigemischt – bis zu Schopenhauer, bis zu Kierkegaard, dem die Sphären der Künste und des Gewissens verblaßten: nicht vor dem Christentum, sondern vor dem Geheimnis. Es erhielt den Namen „Nichts“. „Alle Dinge“, schreibt Eckhart, „sind aus dem Nichts geschaffen, darum ist ihr wahrer Ursprung das Nichts.“ Der einzige ernste Nihilismus kam im Schoß der Mystik zur Welt: der christlichen, der chinesischen, der romantisch-schopenhauerschen. Der Ursprung „Nichts“ ist die Quelle der Befreiung von allen Herrschaften und Begrenzungen. Hier wird gelehrt, daß auch die „Fähigkeiten“ der menschlichen Natur nicht begrenzt sind. Hier ist nicht nur Nietzsches Jubel „Gott ist tot“ (wenn auch nicht mit diesen Worten und so emotionell) – auch die Folge: der göttliche Mensch. Eine der ketzerischsten Sentenzen innerhalb des christlichen Schrifttums lautet, bei Eckhart: „Warum ist Gott Mensch geworden? Damit ich als Gott geboren würde: derselbe wie er.“ Alles ist mißzuverstehen, wenn man es von der Warte des deutsch-philosophischen Idealismus her einzuebnen sucht. Dann wird der Satz „Auch Gott wird und vergeht“ eine Etappe auf dem Weg zu Hegel. Aber die Mystik füllte den leeren Himmel nicht.
Und konnte deshalb auch nicht deuten, was auf Erden sich ereignete. Die fundamentalen Fiktionen der Philosophen funktionierten als brauchbare Hypothesen, mit denen einige großartige Teilwahrheiten gefunden wurden. Die radikale Zurückhaltung eines Mystikers wie Eckhart war auch monoton: es wurde immer wieder nur die Grenze abgeschritten. Es wurde immer wieder nur gezeigt: wie die menschliche Kreatur sich an dieser Grenze manifestiert. Es wurde immer wieder nur illustriert: wie dieses Zurück, das ihm am Rand des Bewußtseins zugerufen wurde, sein Leben und seine Kultur mitformt.
Diese Mystik war im Bunde mit zwei irdischen Mächten: einer kindlichen Anhänglichkeit und einem kindlichen Zutrauen zu einer väterliche Macht, von der nichts mehr geblieben war als das Gefühl der Geborgenheit. Das trennt diesen Nihilismus von dem hoffnungslosen späterer Zeiten; auch von jenen, die tapfer mit einem Vielleicht sich Mut machten.
Den Mystiker von einst trennt vom späteren Nihilismus jene überquellende Liebe; wie sie allerdings mehr in den Schülern Tauler und Suso lebte als im Meister, der bekannte: „Ich stelle die Abgeschiedenheit noch über die Liebe.“ Sie war aktiv, wenn auch nicht politisch. Der Widerstand unserer Zeit stammt aus der Gleichung: Mystik gleich Verdunkelung... und aus der politischen Konsequenz: Verdunkelung ist immer im Interesse der Reaktion. Mystik ist quietistisch? „Liebe“ ist, wie der Zeitgeist meint, im besten Falle ein Sentiment; von Wert ist allein der nüchterne Kampf, auf die Liebe kann man verzichten. Bernhard von Clairvaux aber schrieb: „Wie oft muß ich mich aus der heiligen Stille in den Lärm der Geschäfte stürzen – und sogar aus frommem Antrieb.“ Der stammte aus der Liebe und schuf, was heute nicht rechnet, weil es kein Umbau der bestehenden Ordnung war: Speisung der Bettler, Sorge für Kranke und Schwache. Die Werke der Liebe werden geringgeschätzt. Was rechnet, ist: militante Soziologie und Bürgerkrieg, auch wenn sie nichts zum Besseren wenden. Dort aber, wo die Mystik dogmatisch wurde: in der Utopie, in der Eschatologie... ist sie dem Zeitgeist willkommen.
Die Kirche klagte den hohen Kirchen-Fürsten als Ketzer an. Er war in der Tat viel gefährlicher als später Luther, als die Entlarvung des Priester-Betrugs im achtzehnten Jahrhundert, als der harmlose Atheist des zwanzigsten. Eckhart deckte den „Abgrund“ auf, den alle Religionen und Philosophien zudeckten. Der Kläger aber betonte vor allem: daß „bei der Predigt in der Landessprache vor den gemeinen und ungelehrten Leuten gewisse Dinge vorgetragen werden, welche die Hörer leicht zu Ketzerei verleiten könnten“.
Nun hatte gerade dieser Mann sich die größten Verdienste um die deutsche Sprache erworben. Das Wörterbuch wurde von ihm mit vielen Prägungen bereichert; „Eindruck“, „Eigenschaft“, „einleuchten“... erhielten die Bedeutung, die sie heute haben. Der Wortschatz der deutschen Philosophen wurde von ihm begründet. „Verstand“, „Grund“, „Vernunft“, „Gemüt“, „Zufall“, „Wesen“, „begreifen“, „eigentlich“, „wesentlich“... verdanken ihm ihr Dasein.
Aber der Ankläger hatte recht: in der Sprache des Volks waren Ketzerein anstößig, die lateinisch ohne Gefahr durchgingen. Wie heute die verständliche Landessprache gefährlich ist, die fachliche oder dunkel-verschrobene aber harmlos – weshalb eine starke Wurzel des chiffrierten Deutsch nicht nur im Snobismus, auch in der Feigheit liegt. Daß aber die gemeinen Leute, auch Volk genannt, in größerer Gefahr sind als die Hochgebildeten, ist richtig: Bildung neutralisiert. Wer vieles gelesen hat, auf den macht nichts mehr rechten Eindruck. Empfänglicher sind die Armen im Geiste. Das geistliche Gericht wußte es und kümmerte sich weniger um den Inhalt als um die Leser.
Der Papst sagte, daß Eckhart „mehr wissen wollte, als ihm erlaubt war“. Das war ein Irrtum. Der Ketzer machte mehr Fragezeichen, als ihm erlaubt war; war nicht aufs Wissen aus, sondern aufs Zerstören des falschen Wissens. Die Frage ist immer revolutionärer als die Antwort.
Mystiker wie Eckhart geben keine Lösungen, sondern zersetzen sie. Die Frage ist permanent; in ihr ist die Revolution permanent.
 
Die Mystik, in ihrer reinsten Erscheinung, zerstörte den Aberglauben, auf dem alle Religionen und Philosophien erreichtet worden sind: daß die Sphinx in den „Abgrund“ gestoßen werden kann, der sich dann schließt – und blickte mutig ins Bodenlose. Die christliche Lehre hingegen wuchs, wie die platonische Philosophie zuvor und der philosophische Idealismus später, auf einem Schein-Fundament, das die Mystik in jedem Jahrhundert unterminierte... wo sie nicht selbst in eine vagere, unpräzisere Metaphysik abfiel.
Die Wühlerin Mystik ist, im Sinne aller Fundamentalismen, der reaktionären und der progressiven, anarchisch. Und ganz gewiß kann ihr unzugänglicher Gott keine Deutung der Welt und keine Änderung begründen. Aber welche Dogmatik konnte es? Sie konnte eine kräftige Illusion (im besten Fall) und (im schlechtesten) eine Willkürherrschaft hervorrufen. Und wird immer wieder unterliegen, weil sie nicht die Wahrheit ist.
Die Ablehnung aller Vorstellungen vom Absoluten, die größte Leistung der Mystik, ist das sicherste Fundament.
 
Die Mystik, nicht Descartes ist die Quelle des herrschenden Subjektivismus, der nicht in Hegel, sondern in Nietzsche ohne Visier an den Tag kam; auch in der Geschichte der Weisheit, die keine Geschichte ist, eher eine Serie von Repetitionen. Die Weisen fassen immer wieder dieselbe Einsicht ein, in immer neuem Wortschmuck. Sophia blühte vor allem in Asien und kam im Westen nie recht gegen den europäischen Universitäts-Philosophen auf. Sie ist (noch mehr als bei Eckhart) eine atheistische Mystik; noch entblößter von einem mit Göttern bevölkerten Himmel. Selbst Eckhart konnte sich nicht ganz den von der Kirche verbreiteten Vorstellungen entziehen; auch wenn sie ihm nur Metaphern waren, seine Sprache hüllte seinen Atheismus christlich ein.
Jede Philosophie, lehren die Weisen, ist verbandelt mit den Wissenschaften einer vergänglichen Zeit und somit vergänglich wie sie; die Weisheit aber stammt aus dem Born der Menschen-Natur, dort wo sie geschichtslos ist. Philosophia perennis nannte sie Leibniz; und Huxley meinte, die Zukünftigen hätten das „Ewige“ erst aus zweiter Hand. Er bevorzugte die Denker des abgekürzten Weges: den Mystiker, den Weisen, den reflektierenden Poeten.
Kant, ein echter Nicht-Weiser, schrieb: „Der Weg zur Weisheit, wenn er gesichert und nicht ungangbar oder irreführend sein soll“, muß „unvermeidlich durch die Wissenschaft gehen“. Mystiker und Weise lehnten diesen Durchgang ab; sie waren immer weniger auf Deduktion von Einsichten und Absichten aus als auf Krishnamurtis „Königreich des Glücks“.
 
[Ludwig Marcuse: Meine Geschichte der Philosophie. Aus den Papieren eines bejahrten Philosophie-Studenten. Zürich: Diogenes 1981. S. 92-100.]

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